Narziss und Rauhaar

von Brigitte Werneburg

Spontan verortet man die Aufnahme in Frankreich. Wahrscheinlich liegt das am Stil des einfachen Restaurants, in dem man den schwer bebrillten Mann mittleren Alters beim Abendessen sitzen sieht. Vielleicht liegt es aber auch an dem gefleckten Jagdhund, der zu seinen Füßen liegt; wo scheint nicht nur der Herr, sondern auch sein Hund so offenkundig willkommen? Es ist übrigens nicht irgendein Herr, sondern der Bürgermeister. Und im burgundischen Städtchen Château-Chinon (Ville) heißt der im Jahr 1969 François Mitterrand und gilt als der kommende Mann der französischen Linken. Deshalb hat ihn auch Michael Ruetz, zu dieser Zeit Stern-Fotograf, in seinem Stammlokal fotografiert.

Obwohl die Aufnahme ganz korrekt den Titel "Mitterrand" trägt, steht nicht der Mensch in ihrem Zentrum, sondern - wie in sämtlichen anderen 22 Fotografien - der Hund. Dass mit der "condition canine" wie Michael Ruetz' Ausstellung "The Family of Dog" im KunstHaus Potsdam im Untertitel heißt, auch schon das meiste über die "condition humaine" gesagt ist, versteht sich von selbst. "Papierbild", die grausame Straßenszene, die den platt gewalzten Körper eines großen Hundes zeigt, der überfahren wurde, symbolisiert dann schon das kommende Unheil, denn sie entstand 1969 in Chile, wo wenig später nicht nur ein Hunde-, sondern auch ein Menschenleben nichts zählte.

1962 fotografierte Michael Ruetz den freilaufenden kleinen Rauhaardackel, der sich in einer Pfütze am Rand des Bürgersteigs zu betrachten scheint. Ein "Narziss", der das Titelbild der Einladungskarte liefert. Und 2004 drehen uns zwei Menschen und ein Hund ihre Rücken zu, sie schauen in der "Hommage an CDF" von einer Düne aus gerade so aufs Meer, wie wir es von Caspar David Friedrich zu kennen glauben. Auch bei seinen Ansichten des Hundelebens handelt es sich also um eine Langzeitbeobachtung, wie sie Michael Ruetz inzwischen seit vielen Jahren betreibt: "Eye on Time", "Eye on Eternity" und "Eye on Infinity" heißen diese Projekte über das neue Berlin, die Hinterlassenschaften der Antike und den Blick vom Dorf Greimharting aus über das Chiemgau, aufgenommen über 20 Jahre hinweg.

Anders als bei diesen Serien, in denen Micheal Ruetz sein Sujet in unregelmäßiger Folge, aber immer vom gleichen Standort aus fotografiert, um die Zeit selbst als sein großes Motiv sichtbar zu machen, folgt der Fotograf bei den Hunden (und Katzen, die als Spielkameraden auch ins Bild kommen) keinen festen Regeln. Er fotografiert sie auf der Straße, im Haus, am Strand oder vor dem Fernsehgerät, vor dem sie regelmäßig einschlafen. Mal beobachtet er sie allein, mal mit anderen Hunden und immer wieder natürlich im Zusammensein mit den Menschen. Immer allerdings fotografiert er sie in Schwarzweiß. Das muss man sich aber hin und wieder wirklich in Erinnerung rufen. Die Bilder sind in ihren Grauabstufungen so subtil und die Protagonisten so wunderbar getroffen, dass man ohnehin glaubt, sie in Farbe zu sehen.

Recht besehen gibt es nur zwei große Hundefotografen: Erwitt Elliott und William Wegman. Man wird ihnen Michael Ruetz zur Seite stellen, sobald seine "Family of Dog", die ironisch Edward Steichens "Family of Man" zitiert, als Bildband im Steidl Verlag erscheint. Das zeigt schon die Auswahl in den schönen Räumen des Potsdamer KunstHauses, das - von einer privaten Initiative getragen - in den von ihr behutsam renovierten, ehemaligen Pferdelazaretts der Garde-Ulanen-Kaserne seinen Standort hat. Während Elliott über das Anekdotischen die ihm eigene, fremde Würde des Tiers herausstellt, die bei Wegman ausgerechnet im Verkleiden des Tiers als Mensch unübersehbar wird, findet Ruetz sie auf glückliche Weise im ganz gewöhnlichen Hundeleben.

Quelle: taz, 03.11.2011