Hundeleben

von Heidi Jäger

 

Kunsthaus zeigt Fotografien aus Michael Ruetz Langzeitdokumenation „The family of dog“

Dieser Blick spiegelt die eigene Sehnsucht. Gern streckt sich auch Mensch im warmen Ostseesand aus, lässt alle Viere gerade sein, um sich in der Weite von Himmel und Meer zu verlieren. Nichts Menschliches ist Hund fremd. Nun ist auch das Kunsthaus auf den Hund gekommen: ganz ohne Verklärung und in geradezu meisterlicher Tiefenschärfe. Stolz und unterwürfig, verspielt und in sich ruhend, wachsam und schläfrig zeigt Hund Gesicht. Kein Geringerer als der vielfach preisgekrönte Fotokünstler Michael Ruetz führt mit unverwandtem Blick vor Augen, was Hund bewegt. Es sind innig berührende Momente, die der Langzeitbeobachter festhielt, dessen eigene Familie von zwei Hunden und Katzen „kontrolliert“ wird.

In einer Zeitspanne von 50 Jahren beobachtete Ruetz „die vier Grundmöglichkeiten der hündischen Existenz von Hunden“, wie er selbst seinen Bilderzyklus „The family of dog“ kommentiert. Da wird in „Mondo Cane“ der Hund als Bodensatz und allerunterste Schicht der menschlichen Gesellschaft gezeigt, dem als bester Freund des Menschen wenig Gegenliebe widerfährt. Das Kunsthaus konzentriert sich entsprechend seiner Platzkapazität indes auf das Kapitel „The dog of the family“, die den Hund als ernährten, gehätschelten und von Menschen geliebten Teil der Familie festhält. Einige wenige Fotos aus der Langzeit-Beobachtung zeigen auch das zwiespältige Verhältnis von Hund und TV-Welt sowie den Tod des Menschenhundes, der selbst in seiner letzten Stunde der Menschenfamilie bedingungslos ausgeliefert ist.

Michael Ruetz nimmt sich Zeit. Die Ära, dass er als rasender Reporter den politischen Ereignissen hinterher eilte, hat er lange hinter sich gelassen. Ihn interessiert nicht mehr, was sich aktuell Aufregendes in der Welt ereignet. Er verweigert sich dem Wettlauf mit der Zeit, um in das Wesentliche vorzudringen. So gab es in diesem Jahr bereits im Kunstraum in der Schiffbauergasse die Ausstellung „Eye on Infinity“, in der er ein einziges Motiv in mehr als 50 Varianten porträtierte: immer dieselbe Landschaft in unterschiedlichsten Zuständen, bei Tag und Nacht, Gewitter und Sonnenschein, Frühling und Winter. Über Jahre hinweg Stimmungen einsammelnd, innehaltend, um Bewegung wahrzunehmen. Eine faszinierende Zeitschau.

In der „The family of dog“-Ausstellung sehen wir nun verschiedene Hunde in verschiedenen Situationen. Doch der Blick des Fotografen bleibt der gleiche: Er offenbart und gibt dem Augenblick Dauer. Und er erzählt Geschichten. Wie die von dem kleinen Mädchen, das auf der Toilette sitzt und zutraulich auf den neben ihr liegenden Hund herunterschaut. Man spürt die Nähe zu ihrem Spielgefährten, dem sie vielleicht gerade die neuesten Geheimnisse anvertraut. Eine große Intimität spricht nicht nur aus diesem Bild. Ruetz’ Fotografien erzählen viel von der sozialen Bedeutung des Hundes für kleine und große Leute, wie sie miteinander schmusen, ihn wie ein Kind im Wagen vor sich her schieben. Der Hund als Ersatz für vieles. Er hört aufs Wort, wenn andere schon lange nicht mehr zuhören. Er erwartet Herrchen oder Frauchen, wenn sie das sonst so leere Haus betreten. Er nimmt die Einsamkeit oder ist einfach der wache, heitere, verschwiegene Begleiter durch alle Lebenssituationen. Vor allem aber ist Hund tapfer. Wenn er unter der Gießkanne gebadet oder auf dem Schreibtisch wie ein Familienfoto mit Papierschlangen verziert wird. Hund nimmt es gelassen.

Diese Ausstellung macht einfach Spaß und nimmt gefangen durch ihre klare Position, den durchdringenden, oft auch heiteren Blick und natürlich durch die künstlerische Qualität der Aufnahmen.

Man fühlt förmlich das nasse Fell des Hundes auf seiner „Küstenwache“, den feinen Sand, der an ihm klebt. Gleich wird er vielleicht aufstehen und sich schütteln. Doch noch lässt er seinen Blick versonnen übers Meer schweifen. Und träumt vielleicht von einem Knochen.

Bis 4. Dezember, Mi 11 bis 18 Uhr, Do und Fr 15 bis 18 Uhr, Sa und So 12 bis 17 Uhr, KunstHaus Ulanenweg 9. Mitte 2012 erscheint im Gerd Steidl Verlag ein Buch mit dem umfangreichen Werk aus der Dokumentation „The family of Dog“

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten, 19.11.2011; Seite 4