Die stille Schönheit des Hinfälligen

Wer die Fotografien von Michael Ruetz betrachtet, denkt unweigerlich an Piranesi. Wie dieser ist auch Ruetz gebannt von den Ruinen des antiken Rom. Und wie Piranesi zeigt auch er die Hinterlassenschaft der Antike so erhaben, dass wir uns wie Zwerge fühlen, die fassungslos vor der Größe eines Zeitalters stehen, dem das unsere nur Nichtigkeiten zur Seite zu stellen hat.

Doch gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Künstlern: Piranesi inszenierte die Trümmer der Antike als überwältigende Kolosse. Überwuchert von üppigem Grün, halb im Erdreich versunken, rühren die Zeugnisse einstiger Größe den Betrachter. Doch ihr Haupteindruck ist der einer bei allem Verfall unbeugsamen Welt. Sie appelliert an die Nachkommen, sich zu jenem hohen kulturellen Stand aufzuschwingen, den die innehatten, die Riesen wie das Kolosseum, den Marstempel oder die Domus Aurea erbauten. Selbst die Staffagefiguren, die Piranesi auf den zyklopischen Mauern herumturnen lässt, zeigen Respekt. Wenn sie sich neugierig vorbeugen, wirkt dies immer auch wie eine Geste der Ehrerbietung.

Anders Michael Ruetz. Seine Ruinen sind menschenleer, wirken verlassen, isoliert, ausgesetzt. Der größte Unterschied aber zu Piranesis Veduten ist die Hinfälligkeit, die Roms Antike auf den Fotos ausstrahlt. Selbst die Aquädukte - Ruetz' Hauptmotiv -, dieser Inbegriff der alles überwindenden Zielstrebigkeit, die das Imperium groß gemacht hatte, erscheinen zerbrechlich. Vom Triumphzeichen menschlicher Disziplin und Ordnung, die jede Naturgewalt zähmt, sind sie zu Allegorien des Vergehens geworden; stumme Zeugen der Vergeblichkeit alles Organisierens und Befestigens.

Der nassforsch kalte Ton, in dem ein Text am Ende des Bildbands erklärt, wir befänden uns am Beginn eines weltumspannenden neuen Krieges, der für neue Ruinen in nie gekanntem Ausmaß sorgen werde, ist den Bildern unangemessen. Verstärkt durch die Beschränkung auf schwarzweiße Wiedergabe, wecken Ruetz' Fotografien Melancholie. Diese hat nichts von der unverbindlichen Elegie der Ruinenromantik des achtzehnten Jahrhunderts, die Piranesis Stiche oft genug zu Rührseligkeiten herabwürdigte: Michael Ruetz' melancholischer Blick ver- und entschlüsselt Roms Ruinen, bis sie als Chiffren selbstverschuldeter Erbärmlichkeit vor uns stehen.

Unter diesem Eindruck lesen sich die lakonischen Bildtitel - es werden jeweils nur der Ort sowie Datum und Uhrzeit angegeben - wie die neutralen Notizen eines Kriegsberichterstatters; und das hat wiederum nichts zu tun mit dem erwähnten dick aufgetragenen Apokalypse-Ton des Begleittextes.

Aus der Berichterstatter-Perspektive muten die Bilder an wie verlassene Kriegsschauplätze. Auf andere Weise, aber ebenso eindringlich, kommt das in den wenigen Athen-Aufnahmen zum Ausdruck, die der Band enthält. Mit einer Obszönität ohnegleichen umringen darauf die Schäbigkeiten der Gegenwart den Hügel, auf dem einsam die Akropolis sich erhebt. Wie ein Hiob auf dem Scherbenhaufen seines einstigen Glücks ist das antike Heiligtum eingekesselt von Bataillonen ordinärer Reklameschilder und Hunderttausenden vulgärer Betonkisten der heutigen Millionenstadt Athen. Andere Aufnahmen konfrontieren den entrückten Parthenon mit den verrottenden Resten des Industriezeitalters. Rostende Autowracks, marode Fabriken, verbogene Gasometer - das Griechentum, umzingelt von Schrotthaufen.

Nur vier Fotografien zeigen eine unbedrängte, in sich selbst ruhende Antike. Zu sehen sind die griechischen Ruinen von Agrigent, Seliunt und Segesta. Ein trauriger Frieden geht von ihnen aus, die Unberührbarkeit einer in Architektur verewigten, verstummten Epoche. Deshalb vielleicht ergreifen diese Darstellungen den Betrachter am meisten - weil hier Absichtslosigkeit suggeriert wird, kein Appell, kein Zufall und kein Zugriff die Ruhe zu stören scheint.

Eigenartig berührt eine Fotografie, die wie ein exotischer Sonderling von allen anderen absticht. Sie zeigt einen Blick in die Vatikanischen Gärten. Teppichzarter Rasen, geschlängelte Buchsbaumboskette, uralte Pinien, Palmen. Dazwischen ein Renaissance-Pavillon und im Hintergrund die matt leuchtende Kuppel des Petersdoms. Eine arkadische Szenerie ist das, mit allen übrigen Darstellungen nur durch die Menschenleere verbunden, die dem Ganzen unterschwellige Wehmut verleiht.

Versöhnlich wirkt diese Aufnahme, so, als wolle der Fotograf sich eine Atempause gönnen. Dann blättert man weiter und sieht wieder die fragilen römischen Bögen, verstellt von schartigem Wellblech, umwickelt mit Stacheldraht, perforiert von Kabeln. Das ist unsere Wehmut. Sie schmerzt heftiger.

"Eye on Eternity 1968-1997" von Michael Ruetz. Mit einem Nachwort von Klaus Honnef. Verlag E.A.Seemann, Leipzig 2007. 78 Seiten, 37 Schwarzweißfotografien, eine Farbfotografie. Großformat 35 mal 42,5 Zentimeter. Gebunden, 68 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.10.2007, Nr. 230 / Seite R10