von Verena Friederike Hasel

Einige von ihnen sehen so kläglich aus, dass man sie mit nach Hause nehmen möchte. Vom Unrat befreien, den angeschlagenen Fuß verarzten. Andere wirken ausladend und vital – wie dafür gemacht, sich anzulehnen, Schutz zu suchen. Und manche sind einfach nur Stein, Rundbögen aus Stein, in ihren Furchen kein Geheimnis versteckt, kein Imaginationsraum, der sich zwischen ihren Bögen aufmacht. Der Berliner Fotograf Michael Ruetz, Jahrgang 1940, ist ausgezogen, die Ewigkeit zu suchen. Zurückgekehrt ist er mit diesen Fotos der Aquädukte in Rom und mit Bildern der Akropolis in Athen.

Immer wieder hat sich Ruetz, Villa-Massimo-Preisträger von 1981, in seinen Arbeiten mit dem Thema Zeit beschäftigt.

Bekannt wurde er mit seinen Bildern der Berliner Studentenbewegung – dramatisch beschleunigte Zeit. Für das Projekt Nekropolis fotografierte er Grabstätten – tote Zeit. Und nun die Ewigkeit, durchweg an Orten, wo man sie nicht erwartet: Römische Aquädukte, über 2000 Jahre alt, vor einem 50er-Jahre-Wohnhaus, neben einem eilig auf dem Bürgersteig geparkten Lieferwagen, teilweise liederlich behandelt, mit Graffiti beschmiert, mit Müllbergen, die zwischen den Bögen wuchern. Wo Ruetz die Aquädukte auch festhält, eins sind sie immer: noch da, der Zeit zum Trotz. Für die Akropolis-Ansicht wählt Ruetz ungewöhnliche Perspektiven, fotografiert sie von einem Schrottplatz aus, über eine befahrene Straße hinweg: Stets thront die Akropolis über den bauklotzartigen Häusern, den Autos und Reklametafeln. Auch sie – immer noch da. Auf manchen Bildern ist dieses Immer-noch-da-Sein zu plakativ in Szene gesetzt, da saust der Ewigkeitsgedanke wie ein Hammer auf einen hernieder und zermalmt jede Regung. Vor anderen Bildern jedoch wird man andächtig und mag sich gar nicht mehr trennen von dieser Ewigkeit: bei dem Aquädukt etwa, unterhalb dessen ein Zugtunnel verläuft, sich die Bögen aus den beiden Zeitebenen ineinanderschieben, als hätten sie nie etwas anderes getan. Oder bei dem Foto, auf dem die Akropolis hinter den Mästen und Leitungen eines Kraftwerks sitzt, wie in einem Spinnennetz, und man weiß nicht: Ist sie selbst die fette Spinne, die ihre Stadt bewacht, oder ist sie ein besonders stattliches Stück Beute.

Michael Ruetz, „Eye on eternity“, im Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße, noch bis zum 27. Mai, Katalog 68 €

 

Quelle: Der Tagesspiegel, 23.04.2007