Das Licht bei der Arbeit belauschen

von Wilfried Wiegand

Sähe man die Ausstellung im Deutschen Historischen Museum ohne Vorbereitung, ohne Plakat und ohne eine einzige Schrifttafel, so könnte man auf den Gedanken kommen, daß hier das Lebenswerk von gleich zwei deutschen Fotografen vorgeführt werde. Leicht wären die beiden voneinander zu unterscheiden. Der Ältere ist ein klassischer Reporter, er fotografiert schwarzweiß, seine besten Bilder entstanden in den sechziger und siebziger Jahren. Der deutsche Alltag lieferte ihm die Motive, auch der Alltag in der DDR. Die große Politik registrierte er wohl, aber sie wirkt bei ihm nicht groß, vor seiner Kamera wird auch sie zu etwas Alltäglichem. Mit den anarchischen Rebellen um 1968 hingegegen scheint er sich gut verstanden zu haben, sie wirken so natürlich, als hätte einer der ihren die Kamera bedient. Daneben der andere Fotograf, der jüngere: Er fotografiert meist in Farbe, und der Drang des Reporters, im symbolischen Schnappschuß das vorbeifließende Leben anzuhalten, ist ihm fremd. Er scheint eher Langzeitstudien im Sinn zu haben, gründliche Recherchen, Serien vergleichbarer Bilder, aufgereiht wie wissenschaftliche Präparate. Der Ältere ist ein Reporter, der andere ein Dokumentarist – und erstaunlicherweise sind beide ein und dieselbe Person: Michael Ruetz, geboren 1940 in Berlin.

 

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, vom 06.01.1996