Blick in die Ewigkeit

Das Waschhaus Potsdam zeigt faszinierende Landschaftsaufnahmen von Michael Ruetz

von Richard Rabensaat

Ein zackiger Blitz zuckt über die Silhouette einer Kette von Bergkuppen, formt deren Schattenriss nach, verschwindet wieder im dunklen Himmel. „Warum der Blitz nicht auf der Erde eingeschlagen hat, konnte mir bisher noch niemand erklären“, stellt Michael Ruetz fest. Dennoch hat sich das unwirkliche Bild auf den Film seiner Kamera eingebrannt. Ruetz hat einen Moment in der Zeit festgehalten, wie man ihn sich eigentlich nicht erklären kann. Häufig sind dem ehemaligen Fotoreporter Aufnahmen gelungen, die sich in das kollektive Bildergedächtnis eingeprägt haben.

„Das Auge auf die Ewigkeit gerichtet“, ist der Titel der Ausstellung des 71-jährigen Fotografen im Kunstraum des Waschhauses Potsdam. Weite Landschaften, in unterschiedliches Licht getaucht, wolkenverhangen, nebelbedeckt, in allen Jahreszeiten und zu allen Tageszeiten fotografiert. Es sind faszinierenden Aufnahmen, die weit entfernt sind von der Schnelligkeit digitaler Bildproduktion. Aufgenommen hat sie Ruetz mit bis zu 14 analogen Kameras, deren Verschluss er manchmal nicht nur stunden-, sondern gelegentlich auch tagelang geöffnet ließ. 2200 Aufnahmen mit einem Aufnahmewinkel von 130 Grad über mehr als 20 Jahre hinweg, aufgenommen von exakt demselben Standpunkt bilden den Stock, aus dem der Fotograf die Bilder für die Ausstellung ausgewählt hat. Die Schwarzweißaufnahmen zeigen einen nuancierten Reichtum an Helligkeits- und Lichtstufen, wie sie nur als Ergebnis eines geduldigen und mit höchster Akkuratesse ausgeführten Produktionsprozesses zustande kommen. Dass sie immer die gleiche Landschaft abbilden, wird erst bei näherer Betrachtung klar, so unterschiedlich sind die Stimmungen der Bilder. Ruetz macht zu den Bildern keine Ortsangabe. Sie müssen jedoch an einem Ort entstanden sein, an dem er über einen sehr langen Zeitraum hinweg sehr viele Kameras stationieren konnte, damit sie ungestört die vorüberstreichende Zeit festhalten. Claude Monets Bilder der Kathedrale von Rouen zitiert Ruetz als Paten für die Fotoserie, deren feinstufige Belichtungen romantischer und impressionistischer Malerei näherstehen als schnelllebiger Fotoproduktion.

Die Betrachtung der Zeit hat das Leben des Fotografen geprägt. Sein Blick hat sich dabei gewandelt. Unmittelbar nach einem Studium der Sinologie und Japanologie engagierte das Magazin „Stern“ den politisch linksorientierten Studenten im Jahr 1969 als Fotoreporter. Ruetz war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, kannte Rudi Dutschke und Rainer Langhans und all die anderen Protagonisten der 68er Szene.

Zahlreiche seiner Bilder wurden zu Ikonen, die immer dann zitiert werden, wenn die mittlerweile historische Umbruchzeit belichtet wird. Unaufgeregt beschreiben Ruetz’ Bilder den Menschen hinter der öffentlichen Fassade. Rainer Langhans mit Fritz Teufel in langen Mänteln auf einem Tisch fröhlich posierend, Rudi Dutschke bei einer Diskussionsveranstaltung mit einem Strahlenkranz ums Haupt, hervorgerufen durch einen verdeckten Scheinwerfer. Josef Beuys fotografierte Ruetz wie er gespannt auf den Fernsehschirm blickt. Seine Frau und seine Kinder schauen ebenfalls hoch zu der flackernden schwarzweißen Mattscheibe. Captain Kirk spricht, Raumschiff Enterprise auf dem Weg in Welten, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat. Der charismatische Künstler wird zum Familienmensch. Reportagefotografien aus der DDR und dem damaligen Ostblock folgten für „Stern“-Artikel.

„Mir wurde zunehmend klar, dass ich als Reporter nicht das finden konnte, was mich interessierte“, bemerkt Michael Ruetz. Deshalb arbeitete er von 1973 an als selbstständiger Fotograf und erhielt 1982 einen Ruf als Professor an die Hochschule für bildenden Künste in Braunschweig.

Den freien Fotografen interessieren Projekte, in denen er den Wandel von Zeit und Ort, die Vergänglichkeit zeitlicher Erscheinungen festhält. Berlin, der Gendarmenmarkt vor Wendezeiten von Gras überwuchert, heute ein schmucker städtischer Flanierort. Drei Personen fotografierte er in zeitlichen Abständen jeweils über eine Zeitraum von 22 Jahren hinweg. „Eye on time“, „Eye on space“ sind Titel aktueller Projekte. Es sind keine konkreten Orte, die Ruetz gegenwärtig interessieren, es ist der Fluss der Zeit. Manchmal zitiert er in seinen Fotobänden Goethe und dessen Betrachtungen zu Zeit und Ort. Oder er fotografiert Landschaften, durch die Goethe wanderte. „Auf einem winzigen Fleck tut sich so viel wie auf dem gesamten Globus“, resümiert der Fotograf den in Potsdam gezeigten Ausschnitt der Bilderserie. Der Ort liegt in Süddeutschland. Dorthin zog es Ruetz, nachdem der Berliner mehrere Jahre im ungeliebten Hamburg gelebt hatte.

Sichtbare Zeit II – Eye on infinity, zu sehen im Waschhaus, Schiffbauergasse 6. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag 12 - 18 Uhr; der Eintritt ist frei.

 

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 11.04.2011