SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Buchkritik – Manuskriptdienst


Michael Ruetz: Eye on Time

Steidl Verlag

288 Seiten mit 367 Fotografien

deutsch/englisch

48 Euro.      


Sendung: Donnerstag, 03. Januar 2008, 10:55 – 11:00 Uhr SWR2


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Anna Brenken     für     Uwe Kossack                  Literatur SWR
Michael Ruetz: Eye on Time. Steidl Verlag, 288 Seiten mit 367 Fotografien, deutsch/englisch, 48 Euro.

In der Vielzahl der Fotobände über Berlin behauptet sich Michael Ruetz‘ Katalogbuch „Eye on Time“ als anspruchsvoller Aussenseiter. Thema ist hier nicht die schöne, schicke, neue Hauptstadt oder ihre hässlichen Abseiten. Ruetz‘  Augenmerk gilt der Zeit, in der die Dinge sich verändern. Dies hat er in seinen urbanen Bildern festgehalten. „Zeit ist das wichtigste Thema der Fotografie,“ schreibt er in dem Essay zu seinem aktuellen Bildband.
Seit über drei Jahrzehnten folgt der ehemalige Fotoreporter stoisch seinem Konzept, dasselbe Objekt – hier Berliner Stadtansichten - jeweils vom selben Standort aus im Abstand von ein, zwei oder drei Jahren abzulichten. So sind Serien mit bis zu maximal 25 Bildern entstanden, die in strengem schwarz-weiss die Metamorphosen der Orte dokumentieren.
Zu dem Konzept des Fotografen gehört auch, dass er zu seinen Serien keine Titel, keine Ortsbezeichnungen liefert. Er gibt jeweils nur den Breitengrad und den Längengrad an  sowie die gleichbleibende Blickrichtung, aus der die Bilder aufgenommen wurden.
Der überwiegende Teil der im Buch zusammengefassten Serien ist auf 52 Grad Nord/13 Grad Ost verortet. Genau! Das ist auf dem Globus die Lage der Hauptstadt Berlin. Dass sich Berlin seit dem Fall der Mauer in einem frappierenden Häutungsprozess befindet, dessen Ende (…) nicht abzusehen ist, wird in dem vorliegenden Bildband ebenso spannend wie schön dokumentiert. Die Abbildungen in extremem Längsformat zeigen urbane Landschaften, die allein dadurch Aufsehen erregen, dass sie sich auf spektakuläre Art und Weise verändern und so ein Dokument rasender Vergänglichkeit darstellen.
Ruetz‘ notorische Geheimniskrämerei, was die Benennung der Orte angeht, ist erträglich, weil die Bilder selber dem Betrachter hinreichend Fingerzeige für eine Entschlüsselung liefern. Zum Beispiel der Potsdamer Platz.

Am Ende der achtteiligen Bilderphase, die 1990 mit dem Foto einer nur am Rande nomadisch besetzten leeren Fläche beginnt, steht eine Aufnahme aus dem Jahr 2004 mit einem der eleganten Glaskuben, an denen die Großbuchstaben „Potsdamer Platz“ den Eingang zu U- und S-Bahn signalisieren. Dazwischen -  in  vierzehn Jahren und sechs Fotos festgehalten - die Verwandlung einer Stadtsteppe im Schatten der Mauer hin zu steriler Urbanität, aus der der Fotograf jedwede menschliche Anwesenheit verbannt hat. Auch das gehört zu Ruetz‘ Prinzip der festgehaltenen Zeit am selben Ort: in der Regel sind die Orte menschenleer. Weder am Brandenburger Tor, wo es heute, genau wie auf dem Potsdamer Platz, von Touristen nur so wimmelt, noch am Schlossplatz oder im Schatten des Fernsehturms am Alexanderplatz findet sich menschliches Leben. Ruetz‘ Faszination gilt der urbanen Steppe, Wüste, Brache, dem ewig sich veränderndem Raum. Jede Serie ist, wie der Fotograf formuliert, „ein extrem kurzer Film über eine unendlich lange Zeit“.
Das Brandenburger Tor, der Schlossplatz  Unter den Linden, der Alexanderplatz mit dem unverkennbaren Fernsehturm, aber auch der Kurfürstendamm. Das sind leicht zu entschlüsselnde Orte (…). Im Zentrum des Buches aber steht mit alleine 15 Serien die Landschaft an der ehemaligen Berliner Mauer. Wo lässt sich der Berliner Wandel besser ausmachen als hier. Die Fotos, die für die Serien direkt nach dem Fall der Mauer entstanden, wecken geradezu wehmütige Gefühle. Wie schnell die Zeit vergeht! Wie dramatisch das Neue die Erinnerung verdrängt! Ruetz‘ Buch ist da auch ein historischer Beitrag, der hilft, Geschichte festzuhalten. Nicht umsonst ist seinem Werk bereits die zweite Ausstellung im Deutschen Historischen Museum von Berlin gewidmet. Ein Museum, dessen äussere Veränderung ebenfalls in dem Buch festgehalten ist.
Zwei Zwischenspiele sind in die Berlin-Kapitel eingeschoben. Sie zeigen, dass Ruetz‘ konzeptuelle Zeiterfassung auch an anderen Objekten als der Stadtlandschaft funktioniert. Von der Geburt im Sommer 1990 an bis heute hat er das Heranwachsen eines Kindes zur jungen Frau im Jahr 2007 in eindrucksvollen Porträtaufnahmen festgehalten. Die NachMauerGeneration ist volljährig geworden. Das zweite Zwischenspiel zeigt die Veränderungen einer Wohnung in 13 Jahren.
„Eye on Time“ von Michael Ruetz ist eine wunderbar puristische Hommage an Berlin. Der im Steidl Verlag erschienene Fotoband kostet 48 Euro.