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Höchst gefährlich

von Michael Ruetz

Auszug aus "Facing Time"

Die Achtziger waren die Jahre, in denen sich meine Ideen zu den Projekten, die sich mit der Zeit befassen und unter den Titeln EYE ON ETERNITY, EYE ON TIME, EYE ON INFINITY, EYE ON LIGHT und EYE ON LIFE publiziert sind, zügig für mich materialisierten. EYE ON ETERNITY zeigt die bizarre Ewigkeit der Metamorphose, das Fortdauern des Verfalls von 1966 bis 1997. EYE ON TIME erfasste von 1989 bis 2007 die Metamorphose unserer urbanen Umwelt. (Das 2007 erschienene Buch enthält einen Vorlauf zu FACING TIME). EYE ON INFINITY zeigte die Metamorphose eines großen Raumes so, dass sie erkennbar weder einen Anfang noch ein Ende hat, so wie dieser Raum selbst.

FACING TIME bildet gewissermaßen ein bildliches Aequivalent zu Goethes Verständnis vom Wesen der Metamorphose. Diese waren aber nicht die Anregung. Es hat wie alles seine Polygenese. Die Betrachtungen unseres urbanen und ländlichen Umfelds in EYE ON TIME und INFINITY bedurften der Ergänzung durch eine menschliche Komponente. Der vage Einfall wurde in der am 5. August 1990 zur Welt kommenden ANNA AMALIA zur lebendigen Form. Als ich am 6. August 1990 das allererste Bild machte, stand fest, dass es nicht das erste einer Reihe von banalen Kinderbildchen werden dürfe. Das an jenem Tag erdachte, auf 21 Jahre berechnete und nach genau 21 Jahren abgeschlossene Projekt benötigte ein stringentes Konzept. Die Regeln sollten seine Durchführung über einen extrem langen Zeitraum sichern, sie aber nicht einengen und damit sein Scheitern fördern.

Eine einengende Regel wäre beispielsweise, die Aufnahmen an einem festgelegten Tag des Jahres zu festgelegter Uhrzeit vorzuschreiben. Das Konzept würde so zur herrschenden Instanz.

Der Autor darf seine Verantwortung nicht an Regelwerke delegieren. Ich halte es für weise, Herr über die Konzepte zu bleiben und auch sie der Macht der Metamorphose auszusetzen. Von formalistischen Selbstverpflichtungen sieht man am besten völlig ab und verlässt sich auf die eigene Persistenz. Tant pis, wenn sie nicht ausreicht. Beständige Unbeständigkeit: die beste Arbeits- und auch Lebensregel. Die Metamorphose ist nämlich, wie Goethe deutlich macht, "ein höherer Begriff, der über dem Regelmäßigen und Unregelmäßigen waltet. Ein Phänomen, das ich nicht bemerken kann, ohne dass der Begriff der Stetigkeit in mir entstehe."