Über Timescape

 

 

Das Thema der Bilderfolgen von Timescape ist ausschließlich die Zeit. Sie zeigen Sichtbares und meinen Unsichtbares.

Max Beckmann riet, beim Malen das zu versuchen, ins Sichtbare tief einzudringen, um so die Zeit, das Unsichtbare zu fassen.

Ohne die Photographie wüssten wir nur andeutungsweise etwas von der Zeit. Die Photographie ermöglicht uns, die Zeit im Auge zu behalten, to keep an eye on time. Die Photographie zeigt unvermeidlich das Vergangene. Kaum ist es verewigt, da ist es schon nicht mehr. Es stirbt und wird. Dies eben ist der Antrieb, immer wieder nach der Gegenwart zu greifen.

Die Timescape-Bilderfolgen sind dreidimensionale Photographie: sie reduzieren die sichtbare Wirklichkeit von drei auf zwei Dimensionen, fügen ihr dafür jedoch als vierte Dimension die Zeit hinzu.

Sie sind extrem kurze Filme aus unendlich langer Zeit. In diesen schnellsten aller Filme ist die Zeit die Hauptdarstellerin. Die übrigen Darsteller sind Subjekte, Kulissen und Statisten, fortwährend ausgetauscht, ersetzbar, nur scheinbar unentbehrlich. Räume, Bauten, Gegenstände in Verfall und Neuentstehung: sämtlich Gummimasken, welche sich die Zeit anlegt. Wer außer Menschen nimmt auch Anteil an der Zeit?

Die Zeit ist das bedeutendste Thema der Photographie. Ist sie letzlich gar ihr einziges, ihre bottom line? Die Geschichte der Photographie ist die des immer neuen Griffes nach der Zeit: in eine leere Fülle, in ein überfülltes Vakuum – dennoch und deswegen immer wiederholt. Die Photographie ist unser ideales Mittel, wenn nicht gar das einzige, nicht bloß das Sichtbare zu fixieren, sondern mit ihm auch das Unsichtbare – die Zeit. Nur so wird Max Beckmanns paradoxe Forderung verständlich »Willst das Unsichtbare Du fassen, dringe, so tief Du kannst, ein in das Sichtbare.«

 

(aus: Michael Ruetz: "Vorläufiges zu Timescape", Mai 2005)